Medienbeitrag zum 17. Juni 2006. Und trotzdem ziemlich zeitlos.
Weite Teile Deutschlands sind mit einem Fahnenmeer in den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold überzogen, wenn auch wohl ganz überwiegend nicht wegen der besonderen Bedeutung des heutigen Tages, sondern wegen der Fußballweltmeisterschaft.
Heute vor 53 Jahren, am 17. Juni 1953, haben zunächst die Arbeiter in Ost-Berlin und in vielen Orten der damaligen Deutschen Demokratischen Republik gegen die abermaligen Normerhöhungen protestiert. Sehr schnell schlossen sich immer mehr Menschen den Kundgebungen an, und aus dem Arbeiter- wurde ein Volksaufstand, Forderungen nach freien Wahlen auch in diesem Teil Deutschlands, nach Beachtung der Menschenrechte, nach Presse- und Meinungsfreiheit machten die Runde. Das Ende ist bekannt: Mit sowjetischer Unterstützung hat das SED-Regime den Volksaufstand niedergeschlagen, die „Schuld" dafür „imperialistischen westdeutschen Provokateuren" in die Schuhe geschoben und sich an zahlreichen Beteiligten gerächt: Ca. 20.000 Menschen wurden verhaftet, Tausende landeten als „Rädelsführer" in einem der berüchtigten Zuchthäuser. Einige Dutzend "Volkspolizisten" und Soldaten der "Roten Armee" wurden erschossen, weil sie sich weigerten, auf die Demonstranten zu schießen.
In Westdeutschland wurde dieser denkwürdige 17. Juni prompt zum „Tag der Deutschen Einheit" proklamiert, jedes Jahr gab es Gedenkstunden im Deutschen Bundestag, der damals noch in der provisorischen Hauptstadt Bonn beheimatet war, und auch im übrigen Bundesgebiet mangelte es nicht an Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen.
Mitten im Kalten Krieg, am 13.08.1961, wurde mit dem Bau der Berliner Mauer und weiterer Grenzbefestigungsanlagen mit Minenfeldern, Stacheldraht und Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze die deutsche Teilung auch sehr anschaulich zementiert – eine Teilung, die faktisch noch bis zum Mauerfall am 9. November 1989 und rechtlich noch bis zu Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 andauern sollte.
Im Laufe der Jahre, je länger die deutsche Teilung andauerte, verschwand die Erinnerung an die Ereignisse des 17. Juni 1953 aus den Köpfen vieler Menschen in West- und Ostdeutschland – leider. Natürlich konnten auch die von mir oft nur noch als pflichtgemäß empfundenen Sonntagsreden westdeutscher Spitzenpolitiker daran nichts ändern. Dies habe ich als jemand, der weit nach dem Mauerbau geboren wurde, weder begreifen können noch gutgeheißen. Im Osten Deutschlands wurde das Thema offiziell nach Möglichkeit tabuisiert bzw. der Arbeiter- und Volksaufstand als staats- und republikfeindlich gebrandmarkt.
Das ist nun erfreulicherweise alles Geschichte, die staatliche Einheit Deutschlands ist seit über 15 Jahren wiederhergestellt. Und trotzdem: Von der inneren Einheit Deutschlands, auch der Einheit in den Köpfen vieler Menschen, sind wir, so habe ich manchmal den Eindruck, in unserer Republik noch weit entfernt. Vielleicht bleibt dies noch eine Aufgabe für eine oder mehrere Generationen…
Medienbeitrag zum 53. Jahrestag des 17. Juni 1953 im Jahre 2006
Wer sich für den 17. Juni 1953, die damaligen Begleitumstände und die Auswirkungen des Arbeiter- und Volksaufstandes näher interessiert, der kann sich hier informieren: