Zeitloser Medienbeitrag vom 9. November 2006 zum Jahrestag des Mauerfalls und der Reichspogromnacht
Diese Seite widme ich in erster Linie allen Opfern der Gewaltverbrechen, die im deutschen Namen an ihnen begangen wurden.
Diese Seite widme ich darüber hinaus auch Reinhard Jung, meinem Schulfreund aus alten Dauenhofer Tagen, sowie Ingrid, Lutz, Sabine, Ge(rtrud), Niels, Tho(mas), Jacob, Holm und Marcus aus der früheren DDR, mit denen ich auch heute noch schöne Erinnerungen aus den ersten Jahren nach dem Mauerfall verbinde.
Der 9. November -
ein Datum, das wie kaum ein anderes für die wechselvolle Geschichte Deutschlands bzw. des deutschen Volkes steht:
1918 wurde in Berlin die Republik ausgerufen, und das gleich zweimal – durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann und den späteren Kommunisten Karl Liebknecht.
1923 scheiterte in München der Hitler-Putsch (bekanntgeworden als Marsch Adolf Hitlers auf die Feldherrnhalle), der den Sturz der demokratisch gewählten Reichsregierung in Berlin zum Ziel hatte.
1938 brannten im nationalsozialistischen Deutschland (und in dem im selben Jahr „angeschlossenen“ Österreich) die Synagogen – unzählige jüdische Mitbürger wurden in der Reichspogromnacht (auch: "Reichskristallnacht") in einer von langer Hand vorbereiteten Aktion entrechtet, verschleppt, misshandelt und getötet.
1989 fiel in Berlin unter dem Jubel der Volksmassen die Mauer, die die alte und neue Hauptstadt im Herzen zerschnitt, Familien, Freunde und ein ganzes Volk fast drei Jahrzehnte auf grausame trennte.
Tag der Freude:
9. November 1989 in Deutschland:
Brandenburger Tor in Berlin: Die Mauer ist weg!
Aus eigenem Erleben weiß ich es noch wie heute: Als im Wende-Jahr 1989 vom 9. auf den 10. November in unserer alten und neuen Hauptstadt der „antifaschistische Schutzwall“ fiel - so die beschönigende offizielle DDR-Bezeichnung für die Schandmauer, und die spätere Einheit unseres damals noch geteilten Vaterlandes nur noch eine Frage der Zeit war, fuhr ich kurzerhand zusammen mit Reinhard Jung, meinem Schulfreund aus alten Dauenhofer Tagen, nach Berlin, so wie es seinerzeit und ebenso spontan wie wir unzählige andere Menschen aus Deutschland, Europa und der ganzen Welt auch taten. Wir wollten es uns nicht nehmen lassen, in diesem großen geschichtlichen Augenblick dabei zu sein. „Wahnsinn!", da das alles ja kaum zu fassen war, war das allgegenwärtige Wort jener Tage. Ich werde es nie vergessen, wie wir inmitten einer riesigen Menschenmenge und mit Blick auf das Brandenburger Tor auf der Mauer gestanden haben - an der Nahtstelle der beiden Systeme, im Angesicht der Wasserwerfer der ostdeutschen Grenztruppen. Eine unglaubliche Aufbruchstimmung hat uns alle damals erfasst, eine unbeschreibliche Freude über dieses unsagbar schöne Ereignis. Es war schon etwas ganzBesonderes, den plötzlich überflüssig gewordenen Organen des östlichen Unrechtsregimes im Chor mit vielen anderen Menschen alle drei Strophen der „Internationalen“ und die beiden deutschen Hymnen „Auferstanden aus Ruinen“ und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ entgegenzuschmettern. Dieser Gemeinschaftsgeist, der seinerzeit unser ganzes Land erfasste, ist leider in die Jahre, ja teilweise sogar abhanden gekommen. Es ist an der Zeit, dies zu ändern. Dazu könnte meines Erachtens auch ein nationaler Gedenk- und Feiertag 9. November beitragen.
Noch einmal: Der 9. November hat viele Facetten und lässt sich nicht auf ein einzelnes Ereignis reduzieren. Dieser Tag steht für eines der schrecklichsten Kapitel unserer jüngeren Geschichte (Menetekel für den späteren Holocaust) ebenso wie für die vielen Momente größter Freude, als die Menschen in der damaligen DDR das SED-Regime alter Prägung davonjagten und mit Rückendeckung durch den reformorientierten sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl mitten in Deutschland zu Fall brachten. Der 9. November ist daher aus meiner Sicht der ideale nationale Gedenk- und Feiertag, denn: Nur ein Volk, das sich sowohl der positiven wie auch der negativen Abschnitte seiner Geschichte erinnert, hat die Lehren der Geschichte wirklich verstanden. Sowohl Scham und Trauer als auch Freude – alles dies ist angebracht und lässt sich vor unserem historischen Hintergrund auch nicht völlig voneinander trennen. Haben wir den Mut, uns dazu zu bekennen, und machen wir den 9. November in unseren Köpfen und unseren Herzen zu dem, was ihm gebührt – zum nationalen Gedenk- und Feiertag!
Guido Schümann - Itzehoe
Zeitloser Medienbeitrag zum 9. November 2006:
Jahrestag des Mauerfalls (1989) und der Reichspogromnacht (1938)
Deutscher Schicksalstag: 9. November 1848 - 1918 - 1923 - 1938 - 1989