Kursive Textabschnitte: Ausstrahlung am 14.10.2007 von der "Deutschen Welle" - wiederholt und weltweit.
Lange Zeit, insbesondere noch in den Zeiten des Kalten Krieges, war es bei vielen Menschen in unserem Lande verpönt, nationale Symbole zu zeigen oder sich zu ihnen zu bekennen. Dies bezieht sich auf die schwarz-rot-goldene Nationalflagge genauso wie auf die Nationalhymne.
Begründet wurde dies von den Vertretern dieser Denkrichtung immer wieder gerne mit den düstersten Kapiteln der neueren deutschen Geschichte, die Millionen Menschen im eigenen Lande, in Europa und in der Welt das Leben gekostet haben. Als ob man durch das Verschweigen oder gar Leugnen positiv besetzter nationaler Symbole, die nichts, aber auch gar nichts mit der Verfolgung von Juden, Roma, Sinti und anderer Bevölkerungsgruppen und dem Völkermord zu tun hatten und haben, diese geschichtlichen Katastrophen mitsamt ihrem millionenfachen menschlichen Leid ungeschehen machen könnte.
Jemand, der sich wirklich aufrichtig der Geschichte seiner eigenen Nation stellt, hat kein Problem damit, sich sowohl mit den positiven als auch den negativen, ja den schlimmsten Seiten der Vergangenheit seines Landes bzw. Volkes auseinanderzusetzen. Gute Traditionen, dazu zählen unsere nationalen Symbole ebenso wie positive Werte, gilt es zu hegen, zu pflegen und zu fördern, und aus negativen bzw. katastrophalen Entwicklungen der Vergangenheit gilt es die richtigen geschichtlichen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Alles andere wirkt nur gekünstelt, unecht und unehrlich.
Viele Jahre war es in weiten Teilen der (west)deutschen Bevölkerung so, dass die Menschen ein gebrochenes oder gar kein Verhältnis zu ihren nationalen Symbolen wie z.B. der schwarz-rot-goldenen Flagge oder ihrer Nationalhymne hatten. Dies sollte sich schlagartig mit der durch die politische Großwetterlage (Stichworte: Glasnost, Perestroika, Michail Gorbatschow) begünstigten Wende 1988/89 ändern: Die meisten Menschen, zumal die, die sich in ihren damaligen BRD- und DDR-Nischen eingerichtet hatten, erlebten plötzlich einen Sinneswandel ungeahnten Ausmaßes: Das Ende des SED-Unrechtsregimes, der Fall der Berliner Mauer, das Ende von Stacheldraht, Minenfeldern und Schießbefehl mitten in Deutschland sowie letztlich die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten haben sowohl im Westen als auch im Osten unseres Landes zu einer deutlich positiven Veränderung in den Köpfen vieler Menschen geführt. Besonders die Fußballweltmeisterschaft 2006 in unserem Land hat gezeigt, wie unverkrampft wir Deutschen, insbesondere auch die jungen Menschen, mit unseren nationalen Symbolen umgehen können: Die schwarz-rot-goldenen Fahnenmeere und das kollektive Mitsingen unserer Nationalhymne nicht nur in den WM-Stadien, sondern auch an den öffentlichen Übertragungsplätzen oder bei nationalen Titelkämpfen der verschiedensten Sportarten sprechen hier eine deutliche Sprache – und das ist auch gut so.
Diese positive Gesamtstimmung gilt es für die Zukunft mitzunehmen, ist doch auch nach den vielen Jahren seit der Vollendung der staatlichen Einheit Deutschlands die innere Einheit in den Köpfen zahlreicher Menschen immer noch nicht vollzogen - vielleicht braucht es dafür noch eine oder mehr Generationen. Darüber hinaus stehen uns Bürgerinnen und Bürgern noch eine Vielzahl an weiteren gewaltigen Veränderungen in Deutschland ins Haus, die uns nach meiner persönlichen Einschätzung unglaublich viel abverlangen werden.